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Wanderungsbewegungen deutscher Staatsangehöriger: "Brain Circulation" statt "Brain Drain"

Wanderungsbewegungen deutscher Staatsangehöriger: "Brain Circulation" statt "Brain Drain"

20.3.2015

Anfang März veröffentlichten der Forschungsbereich des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und die Universität Duisburg-Essen gemeinsam die Studie "International Mobil. Motive, Rahmenbedingungen und Folgen der Aus- und Rückwanderung deutscher Staatsbürger". Die Ergebnisse liefern aussagekräftige und belastbare neue Erkenntnisse zur Frage, wer auswandert, welche Motive dabei eine Rolle spielen und welche individuellen und gesellschaftlichen Folgen internationale Mobilität hat.

Rangfolge der Aus- und Rückwanderungsgründe (Mehrfachnennungen möglich)Rangfolge der Aus- und Rückwanderungsgründe (Mehrfachnennungen möglich) (© Migration und Bevölkerung)


Seit Jahrzehnten wandern mehr deutsche Staatsangehörige aus als nach Deutschland zurückkehren. In den letzten fünf Jahren verlor Deutschland jährlich im Durchschnitt rund 25.000 Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft (Wanderungssaldo). Obwohl dies im internationalen Vergleich der Industriestaaten keinen hohen Wert darstellt, wirft es angesichts sich abzeichnender demografisch bedingter Fachkräfteengpässe die Frage auf, welche Motive für Aus- und Rückwanderungsentscheidungen ausschlaggebend sind. Wissenschaftliche Untersuchungen über Auswanderer stehen vor der Herausforderung, eine weltweit verstreute und nicht zentral registrierte Gruppe befragen zu müssen. Daher gab es bisher nur wenige Untersuchungen (vgl. Ausgaben 2/11, »7/08«, »8/07«), insbesondere zu den Wanderungsmotiven war bislang kaum etwas bekannt. Die nun veröffentlichte »Studie« hat erstmals in großer Zahl deutsche Aus- und Rückwanderer aller Berufsgruppen und Qualifikationsniveaus befragt. Auf der Basis von »Meldeadressen« konnten insgesamt 1.700 Personen für eine Teilnahme gewonnen werden, darunter knapp 800 Aus- und rund 900 Rückwanderer. 

Entwicklung der Mobilität


Die internationale Mobilität von Deutschen nimmt in beide Richtungen zu. Die Abwanderungs- und Rückwanderungsrate – also das Verhältnis von deutscher Wohnbevölkerung zu den international mobilen Deutschen – hat sich in den letzten vier Jahrzehnten verdoppelt. Dabei entspricht das klassische Bild vom Auswanderer, der für immer seine Koffer packt, in den meisten Fällen nicht der Realität. Ein großer Teil der deutschen Auswanderer verlässt die Bundesrepublik nicht dauerhaft, sondern nur auf Zeit. Als Auswanderer gilt in der Studie eine Person, die sich bei den deutschen Meldebehörden abmeldet, unabhängig von der tatsächlichen Dauer des Auslandsaufenthalts. Viele der mobilen Deutschen wandern in ihrem Leben mehrfach ins Ausland und wieder zurück. Die wichtigsten Zielländer waren in den vergangenen Jahren die Schweiz, die USA, Österreich, Polen und das Vereinigte Königreich.

Sozialstruktur


Die befragten Aus- und Rückwanderer sind deutlich jünger als die deutsche Wohnbevölkerung, überproportional viele stammen aus einem bildungsnahen Elternhaus und haben höhere Bildungsabschlüsse. Akademiker und Führungskräfte sind unter den Auswanderern stark überrepräsentiert. Bei den Auswanderern liegt der Anteil der Hochqualifizierten bei exakt 70 %. Aber auch bei den Rückwanderern ist ihr Anteil mit 64,1 % deutlich höher als in der nicht mobilen Wohnbevölkerung (22,3 %). Dass es sich zum großen Teil um zirkuläre Wanderungen handelt, zeigt auch der hohe Anteil von Befragten, die eine Rückkehr beabsichtigen: Etwa 41 % der im Ausland lebenden Deutschen geben an, dass sie nach Deutschland zurückkehren möchten. Rund ein Drittel möchte dagegen im Ausland bleiben. Ein Viertel der Befragten ist noch unentschlossen. 
Als hochgradig mobil erweisen sich deutsche Staatsangehörige mit Migrationshintergrund. Sie stellen einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Aus- und Rückwanderer: Ein Viertel der befragten Aus- und Rückwanderer hat einen Migrationshintergrund. Sie wandern aber nicht zwangsläufig in das eigene Herkunftsland beziehungsweise das ihrer Eltern, sondern sind generell mobiler (vgl. Ausgabe 5/11). 

Motive


Für die Entscheidung zur Aus- oder Rückwanderung ist in der Regel nicht ein einzelner Grund ausschlaggebend, sondern meist ein Bündel an Motiven. Am häufigsten wird neben beruflichen Gründen für die Auswanderung der Wunsch genannt, neue Erfahrungen zu machen, gefolgt von partnerschaftsbezogenen und familiären Gründen. 41,4 % der Befragten nennen Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland als Beweggrund für eine Auswanderung. Ein höheres Einkommen im Ausland erhoffen sich 46,9 % der Befragten. 
Bei der Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland spielen grundsätzlich ähnliche Motive eine Rolle wie bei der Abwanderung, es zeigen sich aber deutliche Unterschiede bei der Häufigkeit der Nennung: Auch für Rückkehrer sind berufliche Gründe mit 56,5 % von zentraler Bedeutung. Am häufigsten werden aber partnerschaftsbezogene und familiäre Gründe genannt (63,9 %). Die Unzufriedenheit mit dem Leben im Ausland geben 40,4 % an – ein Wert, der fast genauso hoch ist wie der Wert der Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland bei den Auswanderern (siehe Infografik). 

Folgen der Wanderung


Auswanderung aus Deutschland hat ambivalente Folgen für die Wandernden. Sie erzielen oft ein höheres Einkommen, aber sie empfinden vielfach auch eine soziale Desintegration durch den Verlust der geographischen Nähe zu Freunden und Bekannten. Eine Rückwanderung führt für die meisten international mobilen Deutschen zu spiegelbildlichen Effekten: Sie nehmen in der Regel eine deutliche Verbesserung der sozialen Lebensbedingungen wahr, müssen gegenüber dem Leben im Ausland jedoch häufiger finanzielle Einbußen hinnehmen. Insbesondere bei Personen mit geringeren formalen Qualifikationen wirkt sich eine Rückkehr im Durchschnitt deutlich negativer auf das Einkommen aus, während sich die Auslandserfahrung bei Hochqualifizierten tendenziell auch finanziell auszahlt. 
Das Fazit der Studie lässt sich auf die Formel „Brain Circulation statt Brain Drain“ bringen. Es gibt derzeit keine Anzeichen für einen umfangreichen dauerhaften Fortzug Hochqualifizierter aus Deutschland. Ihre Abwanderung hat eher temporären Charakter. Daher ist ein Perspektivenwechsel angebracht: Auswanderung sollte nicht einseitig als Verlust, sondern auch als Chance wahrgenommen werden. Denn international mobile Menschen kehren mit neuen Erfahrungen, Fähigkeiten und Netzwerken zurück, die die deutsche Wirtschaft gut gebrauchen kann. Zudem ist anzunehmen, dass Personen mit Auslandserfahrungen sich im Sinne einer vielfach geforderten Willkommenskultur offener gegenüber ausländischen Zuwanderern zeigen.

 

 

Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Marcus Engler für bpb.de


01/04/2015
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