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Imi Knoebels Fensterbilder in der Kathedrale von Reims : Zerbrechliche Erinnerung

Ein Artikel des Goethe Instituts.

Helen Sibum ist Redakteurin in Frankfurt am Main.

Imi Knoebels Fensterbilder in der Kathedrale von Reims;

 

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion Januar 2015

Ein deutscher Künstler verewigt sich an einem Ort in Frankreich, der für die Feindschaft zwischen den beiden Ländern stand.

 

Imi Knoebels Fensterbilder in der Kathedrale von Reims; | © Jonas Ratermann

Die meisten Besucher laufen erst einmal an ihm vorbei. So unscheinbar ist der „lächelnde Engel von Reims“ und so gut versteckt zwischen den anderen steinernen Skulpturen am Portal, dass man ihn leicht übersieht. Seine Symbolkraft dagegen ist gewaltig. Weil sein Lächeln in den Trümmern des Ersten Weltkriegs erhalten blieb, gilt er als Gesicht der Katastrophe und der Hoffnung gleichermaßen. Der Engel ist fast so alt wie die Kirche selbst. Im 13. Jahrhundert formten Bildhauer die schmale Figur mit dem heiteren Blick. Auch 2014 arbeitet in der Kathedrale wieder ein Bildhauer an seiner Kunst – und für die deutsch-französische Freundschaft: Imi Knoebel. Frankreich hatte den früheren Schüler von Joseph Beuys schon anlässlich der 800-Jahr-Feier der Kathedrale 2011 beauftragt, sechs der Kirchenfenster neu zu gestalten. Im Gedenkjahr 2014, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, kommen drei weitere hinzu, finanziert diesmal von deutscher Seite. Dabei wäre es lange Zeit unvorstellbar gewesen, dass an diesem Ort ein deutscher Künstler Hand anlegt. Zu schmerzhaft war die Erinnerung an jene Septembertage 1914, in denen deutsche Soldaten die Krönungskirche, ein nationales Heiligtum Frankreichs, unter Dauerbeschuss nahmen und weitgehend zerstörten. „Reims“ wurde damals zum Inbegriff des tiefen Hasses zwischen Deutschen und Franzosen.

Schauplatz vorsichtiger Wiederannäherung

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann ein langsamer, aber stetiger Wandel. Vom Symbol der Zwietracht entwickelte sich Reims zum Schauplatz der vorsichtigen Wiederannäherung. Im Juli 1962 feierten Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale einen Versöhnungsgottesdienst. Wenige Monate später schlossen ihre Regierungen in Paris den Elysée-Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit. Heute gehört für beide Länder das jeweils andere zu den wichtigsten Partnern in Europa. Was macht man als deutscher Künstler in einem Raum, der für den wieder gewonnenen Freund mit so viel Leid verbunden ist? Man bewegt sich auf Zehenspitzen, würden viele sagen, man nimmt sich zurück. Doch Imi Knoebel ist keiner, der seine Bilder im Flüsterton sprechen lässt. Und so reagieren Besucher der Kathedrale erstaunt bis irritiert, wenn sie vom Eingang mit dem leise lächelnden Engel zum anderen Ende der weitläufigen Kirche gelangt sind, wo Knoebels Fensterbilder hinter dem Altar einen prominenten Platz haben. Modern, krachend bunt, fast schon grell wirken die meterhohen Glaskunstwerke. Sie unterscheiden sich deutlich von den anderen Fenstern in der Kathedrale, die meist biblische Szenen zeigen. Auch die Arbeit Marc Chagalls aus dem Jahr 1974 erzählt vom Alten und Neuen Testament. In Knoebels Fenstern dagegen gibt es keine Figuren und keine Episoden. Wer will, kann jedoch ohne Weiteres ein Spiegelbild der jüngeren Geschichte dieses Ortes erkennen: die Explosionen, das Bersten, die glühenden Scherben. Aus lauter ungleichen Teilen in verschiedenen Nuancen von Rot, Gelb und Blau sind die Flächen zusammengesetzt – ein riesiges, kraftvolles Puzzle aus Glas, von dem man das Gefühl hat, es könnte jeden Moment zerspringen.

Nicht jeder war glücklich mit der Wahl

Imi Knoebel, geboren 1940 in Dessau als Klaus Wolf Knoebel, bleibt sich mit dieser Arbeit treu. Immer wieder lotet der Minimalist in seinen Werken die Beziehung von Farbe, Form und Raum aus. Seine meist großformatigen Bilder sind unter anderem im Deutschen Bundestag zu sehen. Nicht jeder war glücklich mit der Wahl des Künstlers für Reims. Ohnehin wollte man den Auftrag zunächst an Gerhard Richter vergeben. Richter, einer der einflussreichsten deutschen Maler der Gegenwart, hatte schon im Kölner Dom eine Fensterfläche gestaltet. Doch der Wunschkandidat lehnte ab und machte damit einer Arbeit Platz, die für Kontroversen sorgt. Unpassend finden sie die einen, bewegend die anderen. Zu gern würde man wissen, was der lächelnde Engel darüber denkt.

 


10/02/2015
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