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Neusprech

Überwachung oder innere Sicherheit, Terrorist oder Freiheitskämpfer – unsere Wörter transportieren nicht nur Informationen, sondern auch Meinungen. Geht das in der Sprache der Politik manchmal zu weit?

Warum verwendet man ein pittoresk klingendes Wort wie Atomruine, wenn es um radioaktiv verseuchten Schrott geht? Warum kann man in Zeitungstexten von unschuldigen Opfern lesen, obwohl doch ganz offensichtlich keiner zu Recht in einer Lawine erstickt oder von einer Autobombe zerrissen wird? Warum benutzte Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Stellungnahme zum Plagiats-Vorwurf so auffällig häufig Passivkonstruktionen?

Weil Politikersprache häufig darauf aus ist, Sachverhalte zu verschleiern und die Bürger in die Irre zu führen, meinen der Journalist Kai Biermann und der Linguistik-Professor Martin Haase. Seit 2010 sammeln die beiden in ihrem Blog Neusprech.org Beispiele für das, was sie als Vernebelungen und Umdeutungen im politischen Sprachgebrauch wahrnehmen.

 

Mit der Bezeichnung Neusprech beziehen sie sich auf George Orwell, der in seinem Roman 1984 das so genannte Newspeak einführen lässt. So neu, wie es der Name vermuten lässt, ist das Phänomen also offenbar nicht. Und doch gibt es laut Haase seit Ende des 20. Jahrhunderts eine Zunahme an Verschleierungen und Umdeutungen im politischen Sprachgebrauch: „Schon in den Zwanzigerjahren hat Edward Bernays beobachtet, dass es in der Demokratie immer darum geht, sich gut zu verkaufen. Und im Zuge der Ökonomisierung des politischen Diskurses nimmt sprachliches Marketing seit Ende der Neunzigerjahre einen immer breiteren Raum ein.“

Inzwischen stoße er beim Zeitunglesen oder Radiohören quasi täglich auf Wörter und Sätze, die man nicht wirklich verstehen kann, und auf Begriffe, die die Realität irgendwie nur verzerrt wiedergeben: „Da werden Dinge, die keiner will, wie zum Beispiel Überwachung, plötzlich positiv als innere Sicherheit dargestellt. Und dadurch klingt es dann so, als wollten wir das alle haben“, meint Haase.

In fast jedem Wort steckt auch eine Ideologie

„Sicherheit“ und „Service“. Foto mkorsakov at flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Aber ist nicht auch ein Wort wie Überwachung wertend, weil es die Skepsis des Sprechers gegenüber öffentlichen Videokameras oder biometrischen Reisepässen andeutet? Oder anders gesagt: Gibt es überhaupt eine neutrale, ideologiefreie Sprache? „Sicherlich nicht, denn Sprache transportiert immer eine Haltung, eine Idee, eine Vorstellung, eine Ideologie“, sagt Biermann. Einzige Ausnahme sei vielleicht die Wissenschaft, die sich seit Jahrhunderten um eine neutrale Ausdrucksweise bemüht und deshalb auch nicht von jedem verstanden wird. Und auch der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist überzeugt: „Wörter bilden nie direkt die Realität ab, sondern sie zeigen immer eine bestimmte Perspektive auf. Und gerade wenn es um Dinge geht, die auf gesellschaftlicher Ebene umstritten sind, dann stecken in Wörtern auch Ideologien.“

 

Deutlich werde das auch an Sprachlügen, dem Titel des Buchs von Biermann und Haase: „In dem Begriff steckt eine klare Ablehnung dieser Art von Sprache, verbunden mit dem Vorwurf, dass sie wahrscheinlich bewusst oder zumindest fahrlässig eingesetzt wird und dass Politiker es besser wissen müssten.“ Dieser Vorwurf der Sprachkritiker ist allerdings nicht allgemeingültig: „Ob die Irreführung absichtlich passiert oder nicht, das wissen wir nicht und darum geht es uns auch nicht. Aber natürlich haben wir auch eine Haltung, die wir nicht verbergen können und wollen, und man merkt in unseren Sprachkritiken auch deutlich, dass wir bestimmte Dinge ablehnen“, meint Biermann.

Wer nachdenkt, entzieht sich der ManipulationYes we scan - Demo am Checkpoint Charlie. Foto: Digitale Gesellschaft via Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Fraglich ist auch, welche Wirkung Sprache überhaupt auf uns hat: Stellen wir uns einen Terroristen tatsächlich anders vor als einen Freiheitskämpfer? Und denken wir bei einer Steueroase wirklich an einen grünen Ort in der Wüste, an den die ‚armen‘ Reichen fliehen müssen, um überhaupt zu überleben? Nicht unbedingt, meint Professor Thomas Niehr vom Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen: „Einerseits konstituieren wir mit unserer Sprache die Welt und je nachdem, wie wir die Dinge bezeichnen, werden sie uns auch in einem anderen Licht erscheinen. Wenn sich also eine Bezeichnung auf weiter Ebene durchsetzt, wird damit eine Weltsicht übernommen.“

 

In demokratischen Gesellschaften gebe es aber immer Gruppen, die eine andere Sicht haben und dies durch ihre Bezeichnungen deutlich machen: „Wenn man Bezeichnungsalternativen aufzeigt und damit unterschiedliche Weltsichten deutlich macht, kann man sprachliche Manipulationen verhindern.“ Und genau das ist das Ziel, das Biermann und Haase mit ihrer Arbeit verfolgen: „Wir wollen vor allem zum Denken anregen und aufzeigen, was bestimmte Begriffe auch noch aussagen können oder vielleicht sogar eigentlich aussagen“, meint Biermann. Was der Einzelne mit diesen Informationen macht, ob er die Begriffe verteidigt oder Gegenbegriffe prägt, das ist ihm dann selbst überlassen.

                         

Janna Degener arbeitet als freie Journalistin in Königs Wusterhausen bei Berlin.
Fotos: INSM und Ilya Dobrych at flickr.com, Lizenz: CC BY-ND 2.0, mkorsakov at flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0, Digitale Gesellschaft via Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion Januar 2014


30/01/2014

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