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Die Welt nach Charlie : Ein Artikel zum Nachdenken... (zeit.de)

Religiöser FundamentalismusWer hat die Kraft der Leidenschaft?

Nach den Pariser Attentaten: Den Krieg zwischen einem saftlosen Liberalismus und dem religiösen Fundamentalismus kann nur einer beenden – eine radikale Linke. Ein Gastbeitrag von Slavoj Žižek

 
Eine Projektion auf dem Triumphbogen in Paris

Eine Projektion auf dem Triumphbogen in Paris  |  © dpa

        Jetzt, nach dem Schock über das Gemetzel in der Redaktion von Charlie Hebdo, ist der Moment gekommen, um Mut zum Nachdenken zu finden. Jetzt und nicht später, wenn sich die Dinge legen, wie uns die Freunde billiger Weisheiten zu überzeugen suchen: Die Herausforderung besteht genau darin, den Akt des Denkens mit der Hitze des Augenblicks in Einklang zu bringen. In der Kälte des Danach zu reflektieren führt nicht zu einer ausgewogeneren Wahrheit, sondern normalisiert die Situation und erlaubt uns, der Schneide der Wahrheit auszuweichen.      

        Denken heißt, über das Pathos der allgemeinen Solidarität hinauszugehen, das in den Tagen nach den Attentaten explodierte und in dem Spektakel vom 11. Januar seinen Höhepunkt fand. An jenem Sonntag hielten politische Größen aus der ganzen Welt miteinander Händchen, von Cameron bis Lawrow, von Netanjahu bis Abbas – wenn es je ein Bild heuchlerischer Falschheit gab, dann dieses. Die wahre Charlie Hebdo-Geste hätte in einem Titelbild bestanden, das dieses Ereignis rabiat und geschmacklos verspottet, mit Karikaturen von Netanjahu und Abbas, Lawrow und Cameron sowie weiteren Paaren, die sich leidenschaftlich küssen, während sie hinterm Rücken die Messer wetzen.   

     Natürlich sollten wir die Morde unmissverständlich als Angriff auf den Kern unserer Freiheiten verurteilen, und zwar ohne stillschweigende Vorbehalte von der Art: "Aber provokant war Charlie  schon, das Blatt hat die Muslime zu sehr gedemütigt." Auch sollten wir uns gegen alle vergleichbaren Verweise auf die mildernden Umstände eines größeren Kontextes verwahren: Die angreifenden Brüder waren tief betroffen von den Schrecknissen der amerikanischen Besetzung des Iraks – meinetwegen, aber warum griffen sie dann keine Einrichtung des US-Militärs an, sondern ein französisches Satireblatt? Muslime im Westen sind de facto eine nur notdürftig tolerierte und ausgebeutete Minderheit – schwarze Amerikaner sind all das in viel stärkerem Maße und begehen trotzdem keine Attentate und Morde. Und so weiter, und so weiter. Das Problem mit einer solchen Beschwörung des komplexen Hintergrunds ist, dass sie auch in Bezug auf Hitler sehr gut funktioniert: Dem gelang es schließlich, die Ungerechtigkeit des Versailler Vertrags für seine Zwecke zu nutzen, doch war es nichtsdestoweniger vollkommen gerechtfertigt, das Naziregime mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen. Es geht nicht darum, ob die Missstände, die Terrorattentaten zugrunde liegen, real sind oder nicht, sondern um das politisch-ideologische Projekt, das sich in Reaktion auf Ungerechtigkeiten herauskristallisiert.      

Die Fundamentalisten halten sich insgeheim selbst für unterlegen

All dies ist nicht genug – wir sollten weiterdenken, und ein solches Weiterdenken hat nicht das Geringste mit einer billigen Relativierung des Verbrechens zu tun, wie es das bekannte Mantra will: "Wer sind wir denn im Westen, die wir schreckliche Massaker in der Dritten Welt verübt haben, dass wir solche Taten verurteilen." Und es hat noch weniger mit der pathologischen Angst vieler westlicher Linksliberaler davor zu tun, sich der Islamophobie schuldig zu machen. Diese falschen Linken brandmarken jede Kritik am Islam als Ausdruck westlicher Islamophobie, so wie sie Salman Rushdie dafür brandmarkten, die Muslime unnötig zu provozieren und damit für die Fatwa, mit der er zum Tode verurteilt wurde, (zumindest mit-) verantwortlich zu sein. Die Folge einer solchen Haltung ist genau die, die man in solchen Fällen erwarten kann: Je mehr die westlichen Linksliberalen ihrer eigenen Schuld nachspüren, desto massiver werden sie von muslimischen Fundamentalisten als Heuchler bezichtigt, die ihren Hass auf den Islam zu verbergen suchen. Diese Konstellation reproduziert exakt das Paradox des Über-Ich: Je mehr man sich dem fügt, was der andere von einem will, desto schuldiger wird man. Je mehr man den Islam toleriert, desto stärker scheint der Druck zu werden, den er auf einen ausübt ...

        Aufrufe zur Mäßigung wie etwa den von Simon Jenkins im  Guardian  vom 7. Januar finde ich deshalb ungenügend. Für Jenkins besteht unsere Pflicht darin, "nicht überzureagieren, die Nachwirkungen [der Anschläge] publizistisch nicht überzuorchestrieren. Sie besteht darin, jeden Vorfall als ein vorübergehendes grauenerregendes Desaster zu behandeln." Doch das Attentat auf  Charlie Hebdo   war kein bloßes "vorübergehendes grauenerregendes Desaster". Es folgte einem genauen religiösen und politischen Programm und war insofern eindeutig Teil eines größeren Musters. Natürlich sollten wir nicht überreagieren, wenn wir darunter verstehen, in blinde Islamophobie zu verfallen – dieses Muster aber müssen wir schonungslos analysieren.      

Viel wichtiger, überzeugender und effektiver als die Dämonisierung der Terroristen zu heroischen Selbstmordfanatikern ist eine Entlarvung dieses dämonischen Mythos. Vor langer Zeit glaubte Friedrich Nietzsche, die westliche Kultur bewege sich auf den "letzten Menschen" zu, ein apathisches Geschöpf ohne große Leidenschaften oder Verpflichtungen. Unfähig zu träumen, des Lebens überdrüssig, gehe dieses Wesen kein Risiko ein und suche allein Bequemlichkeit und Sicherheit, als einen Inbegriff von Toleranz: "Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. [...] Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. 'Wir haben das Glück erfunden' – sagen die letzten Menschen und blinzeln."

        Es könnte im Grunde so scheinen, als entspräche der Riss zwischen der toleranten Ersten Welt und der fundamentalistischen Reaktion auf sie immer mehr dem Gegensatz zwischen einem langen und befriedigenden Leben voller materieller und kultureller Reichtümer auf der einen Seite und einem Leben mit irgendeinem übergeordneten Ziel auf der anderen. Ist dieser Gegensatz nicht der zwischen einem "passiven" und einem "aktiven" Nihilismus, wie Nietzsche das nannte? Wir im Westen sind Nietzsches letzter Mensch, ganz unseren albernen alltäglichen Vergnügungen hingegeben, während die muslimischen Radikalen bereit sind, alles zu riskieren und sich bis zur Selbstzerstörung in den Kampf zu werfen. William Butler Yeats’ Gedicht Die Wiederkunft  scheint unsere Lage auf den Punkt zu bringen: "Die Besten sind des Zweifels voll, die Schlimmsten / von der Kraft der Leidenschaft erfüllt." Das liest sich wie eine exzellente Beschreibung der gegenwärtigen Kluft zwischen saftlosen Liberalen und leidenschaftlichen Fundamentalisten. "Die Besten" sind nicht mehr dazu fähig, sich mit ganzem Herzen zu engagieren, während sich "die Schlimmsten" in rassistischem, religiösem, sexistischem Fanatismus ergehen.      

Nur: Trifft diese Beschreibung wirklich auf die terroristischen Fundamentalisten zu? Offensichtlich fehlt ihnen doch etwas, das sich an allen authentischen Fundamentalisten mühelos beobachten lässt, ob an tibetischen Buddhisten oder den Amish in den Vereinigten Staaten: die Abwesenheit von Ressentiment und Neid, die tiefe Gleichgültigkeit gegenüber der Lebensart der Ungläubigen. Wenn die heutigen sogenannten Fundamentalisten wirklich glauben, ihren Weg zur Wahrheit gefunden zu haben, warum sollten sie sich dann durch Nichtgläubige bedroht fühlen, warum sollten sie sie beneiden? Wenn ein Buddhist auf einen westlichen Hedonisten trifft, verurteilt er ihn kaum, sondern stellt vielmehr wohlwollend fest, dass die Glückssuche des Hedonisten zum Scheitern verurteilt ist. Im Unterschied zu wahren Fundamentalisten sind die terroristischen Pseudofundamentalisten vom sündigen Leben der Ungläubigen zutiefst umgetrieben, fasziniert, bezaubert. Man spürt, wie sie ihre eigene Versuchung bekämpfen, wenn sie den sündigen anderen bekämpfen.

An diesem Punkt greift Yeats’ Diagnose für unsere gegenwärtige Misere zu kurz: Die "Kraft der Leidenschaft" der Terroristen verrät in Wirklichkeit einen Mangel an echter Überzeugung. Wie anfällig muss der Glaube eines Muslims sein, der sich von einer dummen Karikatur in einer satirischen Zeitung bedroht fühlt? Der fundamentalistische islamische Terror wurzelt nicht darin, dass die Terroristen von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt wären und versuchten, ihre kulturell-religiöse Identität vor der Überwältigung durch eine globale Konsumgesellschaft zu schützen. Das Problem mit den Fundamentalisten besteht nicht darin, dass wir glauben, sie seien uns unterlegen, sondern darin, dass sie sich insgeheim selbst für unterlegen halten. Deshalb macht sie unsere herablassende, politisch korrekte Zusicherung, wir hegten ihnen gegenüber keinerlei Überlegenheitsgefühle, nur noch wütender und ressentimentgeladener. Das Problem ist nicht kulturelle Differenz (ihr Versuch, ihre Identität zu bewahren), sondern ganz im Gegenteil die Tatsache, dass die Fundamentalisten bereits sind wie wir, dass sie unsere Standards insgeheim bereits verinnerlicht haben und sich an ihnen messen. Was den muslimischen Fundamentalisten paradoxerweise wirklich fehlt, ist gerade eine Dosis jener wahren "rassistischen" Überzeugung von der eigenen Überlegenheit.

        Die jüngsten Schicksalsschläge des muslimischen Fundamentalismus bestätigen Walter Benjamins alte Einsicht, dass jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt: Der Aufstieg des Faschismus ist das Versagen der Linken, zugleich aber auch ein Beweis dafür, dass es ein revolutionäres Potenzial, eine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen wirklich gab, welche die Linke nur nicht zu mobilisieren verstand. Gilt dasselbe nicht für den heutigen sogenannten Islamfaschismus? Steht der Aufstieg des radikalen Islamismus nicht in genauer Wechselwirkung mit dem Verschwinden der säkularen Linken in den muslimischen Ländern? Als die Taliban im Frühjahr 2009 das Swat-Tal in Pakistan unter ihre Kontrolle brachten, hieß es in der New York Times, sie zettelten "eine Klassenrevolte an, die sich die tiefe Kluft zwischen einer kleinen Gruppe reicher Grundherren und ihren landlosen Pächtern zunutze macht". Wenn die Taliban jedoch "angesichts der Risiken für Pakistan, das im Wesentlichen noch ein Feudalstaat ist", die westlichen Alarmglocken klingeln lassen, indem sie die Notlage der Bauern "ausnützen", was hindert eigentlich die liberalen Demokraten in Pakistan und den Vereinigten Staaten daran, diese Notlage ebenfalls "auszunützen" und den landlosen Bauern zu helfen? Die traurige Antwort auf diese Frage besteht in der Tatsache, dass die feudalen Kräfte in Pakistan die "natürlichen Verbündeten" der liberalen Demokratie sind ...      

Ein endloser Teufelskreis zweier Extreme

Wie sieht es also aus mit den elementaren Werten des Liberalismus: Freiheit, Gleichheit und so weiter? Das Paradox ist, dass der Liberalismus selbst nicht stark genug ist, um sie vor dem fundamentalistischen Ansturm zu schützen. Der Fundamentalismus ist eine Reaktion – eine falsche, mystifizierende Reaktion natürlich – auf einen echten Makel des Liberalismus, und deshalb wird er immer wieder aufs Neue vom Liberalismus hervorgebracht. Ganz auf sich allein gestellt, würde sich der Liberalismus nach und nach selbst unterminieren – einzig eine erneuerte Linke vermag seine zentralen Werte zu retten. Damit dieses entscheidende Vermächtnis überlebt, ist der Liberalismus auf die brüderliche Hilfe der radikalen Linken angewiesen. Dies ist der einzige Weg, den Fundamentalismus zu besiegen, indem man ihm nämlich den Boden entzieht.

Über die Pariser Morde jetzt nachzudenken heißt, die arrogante Selbstgefälligkeit des toleranten Liberalen abzulegen und zu akzeptieren, dass der Konflikt zwischen liberaler Toleranz und Fundamentalismus letztlich ein falscher Konflikt ist – ein Teufelskreis zweier Extreme, die sich gegenseitig hervorbringen und voraussetzen. Was Max Horkheimer schon in den 1930er Jahren über Faschismus und Kapitalismus sagte – dass diejenigen, die nicht kritisch über den Kapitalismus reden wollen, auch über den Faschismus schweigen sollten –, gilt auch für den heutigen Fundamentalismus: Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie sprechen will, der soll auch über den religiösen Fundamentalismus schweigen.

Slavoj Žižek ist Philosoph und Kulturtheoretiker. Aus dem Englischen von Michael Adrian. 



01/02/2015
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