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Die meisten Migranten sind deutsche Staatsbürger (Espaces et échanges + mythes et héros)

Lange Zeit war man in Deutschland entweder Deutscher oder Ausländer. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Andreas Wüst erklärt die Hintergründe ("Deutschland-Zoom 2010").

Durch die jährliche Mini-Volkszählung, den sogenannten Mikrozensus, wissen wir: Von den knapp 82 Millionen Einwohnern Deutschlands haben 15 Millionen einen Migrationshintergrund (2010). Mehr als die Hälfte von ihnen, das sind rund acht Millionen, besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Diese Neubürger wiederum setzen sich etwa zur Hälfte aus Aussiedlern und Spätaussiedlern sowie ihren Nachkommen zusammen. Die andere Hälfte besteht aus Personen, die selbst oder deren Eltern als Ausländer nach Deutschland gekommen sind.

Infografik Deutsche mit Migrationshintergrund (Quelle: DW mit Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

 

Der größte Teil der Einwohner Deutschlands mit Migrationshintergrund besteht also nicht mehr aus Ausländern, sondern besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft! Es ist an der Zeit, ein altes Schwarz-Weiß-Bild ad acta zu legen. Es hat eine lange Vorgeschichte.

Es gehört zu den Mythen der alten Bundesrepublik, dass es einerseits Deutsche und andererseits Ausländer gibt. Die Entstehung dieses Schwarz-Weiß-Bildes hat viel mit dem vorherrschenden nationalen Selbstverständnis Deutschlands seit Ende des 19. Jahrhunderts zu tun: Die Abstammung von Deutschen wurde damals zum zentralen Kriterium. Wenn die eigenen Eltern nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besaßen, war man Ausländer.

Diese Vorstellung einer Volksgemeinschaft trug dazu bei, dass im Zweiten Weltkrieg Millionen Menschen in den Krieg zogen, sich aufopferten, töteten und häufig selbst den Tod fanden.

In der Nachkriegszeit spendete die Idee einer deutschen Schicksalsgemeinschaft allerdings Trost. Denn zum einen hatten die Deutschen viel verloren und zum anderen wollten die Nachbarländer mit dem einst aggressiven Deutschland erst einmal nichts zu tun haben. Dies verfestigte zwischen Hamburg, Köln und München das Schwarz-Weiß-Bild vom Deutschen und dem Ausländer.

Dann kamen die Gastarbeiter

In den 1950er-Jahren begann in Deutschland ein langjähriger Wirtschaftboom. Nun fehlten aufgrund der Millionen Kriegsgefallenen vor allem männliche Arbeitskräfte. Deshalb begann die Bundesanstalt für Arbeit, ausländische Arbeitskräfte zu rekrutieren - zunächst in Italien, später auch in der Türkei.

Eigentlich war ein ständiger Austausch der ausländischen Arbeitnehmer geplant. Doch für die deutschen Unternehmen war es praktischer, dass die Gastarbeiter dauerhaft in Deutschland blieben. Partner und Familienangehörige zogen nach. So entstand eine "Einwanderungssituation ohne Einwanderungsland", wie der Migrationsforscher Klaus Bade die Situation beschrieb. Sowohl bei den Deutschen als auch unter den Ausländern blieb die Illusion einer Rückkehr der Arbeitsmigranten in ihre Herkunftsländer erhalten. So lebten in Deutschland Migranten, die man zwar brauchte, aber erst einmal nicht in die Gesellschaft integrieren wollte.

Zwei Klassen von Migranten

In den 1970er und in größerem Umfang ab Ende der 1980er-Jahre kamen viele deutschstämmige Migranten aus Rumänien, Polen und der Sowjetunion nach Westdeutschland. Aufgrund ihrer Abstammung nahm die deutsche Gesellschaft sie als vollwertige Bürger auf und unterstützte die Integration durch Deutschkurse und günstige Kredite. Folglich entstanden unter den Migranten zwei Klassen: Einerseits ausländische Inländer, die selbst oder deren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren. Andererseits Aussiedler oder Spätaussiedler, die als privilegierte Migranten teilweise sogar besser als die Einheimischen behandelt wurden.

Erst die 1990er-Jahre brachten eine grundlegende Veränderung des nationalen Selbstverständnisses. Viele Faktoren trugen zu diesem Wandel bei - unter anderem die Deutsche Einheit, offene Gewalt gegen Ausländer und viele zugezogene Russlanddeutsche mit Integrationsproblemen. Von nun an wurden wichtige migrationspolitische Maßnahmen getroffen: der erschwerte Zuzug für Spätaussiedler und Asylbewerber, eine erleichterte Einbürgerung von Ausländern und schließlich die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 1999.

Das Schwarz-Weiß-Bild wurde um Grautöne ergänzt und der so genannte Migrationshintergrund, also der Zuzug einer Person oder eines Elternteils, als wichtiges Unterscheidungsmerkmal für die Einwohner Deutschland eingeführt - Abstammung hin oder her.

 Autor : Dr. Andreas Wüst, geboren 1969, ist Politikwissenschaftler am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Sein Forschungsschwerpunkt ist u.a. das Thema Migranten und deren politische Integration. Er wohnt in der Nähe von Heidelberg.
Quelle : Artikel DW
 
 

Mein Migrationshintergrund 

             Von Canan Topçu  Audio de l'article

Menschen mit Migrationshintergrund                  
 
Ich gehöre zu der Gruppe von Menschen, die einen Migrationshintergrund haben. Und neuerdings beschäftigt mich die Frage, wann ich ihn bekommen habe. Seit wann schreite ich mit diesem Schatten durchs Leben? Ich weiß es wirklich nicht so genau.              

Ich weiß aber: Es gab ihn nicht von Anfang an. Zunächst war ich das Türkenkind, mit dem im Schulhof keiner spielen wollte, später wurde ich zur Ausländerin, die immer wieder die Aufforderung erhielt, in ihr Heimatland zurückzukehren. Später entpuppte ich mich zur Bildungsinländerin, die für ihre guten Deutschkenntnisse gelobt wurde und jetzt, mit Mitte Vierzig, bin ich eine Frau mit Migrationshintergrund.
Nicht dass Missverstände entstehen: Ich habe keinerlei Probleme mit meinem Migrationshintergrund. Ich stehe dazu, Tochter türkischer Gastarbeiter zu sein, die sich auf den Weg nach Almanya machten - ohne jegliche Vorstellung über das hiesige Leben, aber mit jeder Menge Hoffnungen. Ich leide nicht an meinem Schatten, im Gegenteil.
Der Migrationshintergrund verschafft mir Vorteile, seitdem sich der politische Wind gewendet hat und Migranten als Experten gefragt sind. Der Schatten trägt zu einem nicht unerheblichen Teil zu meinen Lebensunterhalt bei; er verhilft mir zu journalistischen Aufträgen, zu Vorträgen und Auftritten auf Podien.
In meinen Notizblöcken taucht das Wort Migrationshintergrund aber nie auf. Es ist ein viel zu langer und sperriger Begriff, lässt sich von Hand schwer schreiben, kostet viel Tinte und auch Zeit. Um ein Beispiel zu nennen: Bis ich auf Papier eine Rede festhalte, in der dieses Wort auftaucht, formuliert der Vortragende bereits seine nächsten Gedanken.
Daher kürze ich ab – anstelle von Migrationshintergrund notiere ich MHG in Großbuchstaben. Das kann ich leider nicht in meinen Artikeln, obwohl ich es gerne machen würde, weil es ein Zeilen füllendes Wort ist. Oft geht es mir so, dass ich das Ende des Artikels erreicht habe, noch bevor ich wegen des langen und blöden Wortes inhaltlich in die Tiefe gehen konnte.
Trotzdem: Ich will mich nicht beschweren über den Migrationshintergrund, an dieser Stelle lediglich anmerken: Ich selbst bekomme diesen Schatten nie zu Gesicht. Wann immer ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur mich – ohne den Hintergrund. Ich weiß aber, dass er vorhanden ist und ihn in nicht loswerde. Ich habe meinen Migrationshintergrund verinnerlicht, weil er für die anderen vorhanden ist.
Insofern ist es überflüssig, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ein schöneres Wort zu finden, mit dem Menschen wie ich künftig bezeichnet werden können. Ich versperre mich aber nicht sprachlichen Veränderungen. Wer immer sich eine andere Bezeichnung für Menschen wie mich einfallen lässt, der sollte bitte darauf achten, dass es ein kurzes Wort wird.
Die Realität wird aber nicht schöner durch schönere Wörter. Die Menschen werden nicht weniger ausgegrenzt und nicht weniger diskriminiert. Sie werden nicht heimischer werden in diesem Land, wenn ein Wort durch ein anderes ersetzt wird. Was wir brauchen, sind nicht schönere Wörter, sondern eine andere Einstellungen zu Menschen wie mich. Ich versuche mein Teil dazu beitragen - mit meinen Artikeln, mit meinen Vorträgen, mit meinen Auftritten. Ich mache Gebrauch von meinen Migrationshintergrund!

Canan Topçu, Journalistin, Jahrgang 1965, seit 1973 in Deutschland, Abi 1985, Studium Literaturwissenschaft u. Geschichte, Volontariat bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", seit 1999 Redakteurin bei der "Frankfurter Rundschau", Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.

 

Infos à connaître

 

Infografik: Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland | Statista

 



02/02/2014

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